Erschienen im DESIGN & VERIFICATION NR.6 2001 S. 63-65
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Dipl.-Ing. Michael Loerzer ist geschäftsführender Gesellschafter der IDMS GmbH.
Produkte werden zunehmend für internationale Märkte entwickelt und müssen die regionalen Vorschriften erfüllen. Die Beschaffung von Informationen bezüglich einzuhaltender Vorschriften belastet das Zeitbudget von Entwicklern und Konstrukteuren. Vorschriften-Management-Werkzeuge können nicht nur diese häufig unbeliebte und kostenintensive Tätigkeit erleichtern, sondern sogar Wettbewerbsvorteile erzielen helfen.
Für große Konzerne stellt die Information der Mitarbeiter über einzuhaltende Vorschriften keine unüberwindbare Hürde dar, da diese über entsprechende Abteilungen bis hin zu Strategiestabsstellen verfügen, die das erforderliche Know-how dem Entwickler bereitstellen können. Der Mittelstand kann in der Regel nicht oder nur selten auf solche Ressourcen zurückgreifen. Hier ist es der Entwicklungsingenieur oder Konstrukteur selbst, der sich dieses Wissen aneignen muss. Er hat aber häufig nur begrenzt Zeit, sich in diese sehr spezielle Materie einzuarbeiten, zumal die Vorschriftenwelt stetig wächst und dezentral organisiert ist. Das aktuelle Beispiel der ‚Elektroschrottverordnung‘ zeigt, dass nicht nur die ‚einfachen‘ Produktvorschriften, wie die verschiedenen Richtlinien zur CE-Kennzeichnung, für ein Unternehmen relevant sein können. Insgesamt muss sich der Entwickler und Konstrukteur mit einer ganzen Palette von Vorschriften aus den unterschiedlichsten Bereichen auseinander setzen, die bei der Entwicklung Beachtung finden müssen. Dazu gehören folgende Aspekte: Produkt-/Produzentenhaftung Vertragsrecht Normen zum Qualitätsmanagement Vorschriften zur Produktsicherheit gesetzliche Anforderungen/freiwillige Prüfzeichen (z.B. das GS-Zeichen) Diese unvollständige Aufzählung macht deutlich, dass die Disziplin Vorschriften-Management innerhalb unserer Informationsgesellschaft einen besonderen Stellenwert einnimmt. Diese These wird durch eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie zum Thema „Gesamtwirtschaftlicher Nutzen der Normung“ [1] gestützt. Die Studie, in Auftrag gegeben vom DIN, gliedert sich in den betriebswirtschaftlichen und in den volkswirtschaftlichen Nutzen. Die Aufzählung macht aber auch deutlich, dass Vorschriften eine strategische Bedeutung haben. Es geht darum, diese Gewinn bringend für das Unternehmen als Instrument einzusetzen.
Wertschöpfungskette
In Abbildung 1 ist ein typischer Produktentstehungsprozess dargestellt. Wie kann ein Unternehmen aus Vorschriften und Normen Wert schöpfen? Potenziale, die sich durch die Beachtung der Vorschriften nutzen lassen, sind z.B. Produktivitätssteigerung oder Senkung der Produktionsausfälle im zweistelligen Prozentbereich. Normen und Standards können zudem als marketingtechnisches Instrument eingesetzt werden, wenn es darum geht, Kundenvorteile zu erzielen [2].
Beispiel
Anhand eines fiktiven Projekts soll im Folgenden verdeutlicht werden, zu welchen Zeitpunkten in welchen Abteilungen Vorschriften eine Rolle spielen: Ein mittelständischer Hersteller von Schaltnetzteilen möchte eine Produktlinie für Argentinien, Brasilien, China und Singapur auflegen. Das nach DIN EN ISO 9000:2000-12 zertifizierte Unternehmen verfügt über keine eigene Normabteilung oder ein eigenes Prüflabor. Der Vertrieb bekommt die Aufgabe, zusammen mit der Entwicklung ein entsprechendes Pflichtenheft auszuarbeiten.
Marketing/Vertrieb
Der Vertrieb geht das Projekt zunächst ‚naiv‘ an: „Wir haben unsere Produkte bisher doch schon mit der CE-Kennzeichnung versehen, dies wird ja wohl anerkannt werden. Und die Prüfung hierfür war doch schon teuer genug.“ Diese Aussage ist in der Praxis häufig zu hören, sie macht deutlich, dass Vertriebsmitarbeiter nicht selten wenig Berührungspunkte mit den ‚regulatorischen‘ Voraussetzungen einer Produktmarkteinführung haben.
Entwicklung
Die mit dem Projekt betrauten Entwickler sind zwar in der Regel einigermaßen mit den europäischen (EN-Normen, CE-Kennzeichnung nach EMV- & Niederspannungsrichtlinie) und amerikanischen Normen und Gesetzen vertraut, aber nicht mit denen exotischer Länder. Der häufig auf dem Projekt lastende Zeitdruck führt dazu, dass sie möglichst wenig mit dem Zertifizierungsvorgang zu tun haben wollen. In das Pflichtenheft wird deshalb relativ oberflächlich die Forderung geschrieben, dass das Schaltnetzteil die Anforderungen der CE-Kennzeichnung erfüllen soll.
Einkauf
Dem Einkauf werden keine besonderen Vorgaben gemacht, so dass dieser auf die schon in früheren Projekten eingesetzten Komponenten- Zulieferer, z.B. für Trafos, zurückgreift. Auch werden keine besonderen Anforderungen hinsichtlich Temperatur- bzw. Klimaanforderungen definiert.
Qualitätssicherung
Die Qualitätssicherungsabteilung wird meist nur kurz befragt bzw. informiert. Im Rahmen von Erst-Audit oder Re-Audit beschäftigen sich die Mitarbeiter mit System zur Lenkung von Dokumenten, hier insbesondere von Vorschriften und Standards, die sie einführen sollen.
Systematische Vorgehensweise
Dieses kleine Beispiel verdeutlicht, dass es zahlreiche Bereiche im Unternehmen sowie Phasen der Produktentstehung und Vermarktung gibt, die mit Fragen rund um Vorschriften und Normen in Berührung kommen. Dabei kann jeweils der Teufel im Detail stecken, was unter Umständen zu unerwarteten Kosten führen kann. In Abbildung 2 sind diejenigen Aktivitäten mit Ausrufezeichen gekennzeichnet, bei denen detaillierte Vorschrifteninformationen zwingend erforderlich sind. In der Literatur sind Hilfestellungen zu finden, wie Lasten-/Pflichtenhefte zu erstellen sind [3]. Entscheidend hierbei ist, dass genauestens geklärt werden muss, welche gesetzlichen Anforderungen in den geplanten Absatzmärkten (territoriale Geltungsbereiche) zu erfüllen sind. Oft gibt es technische Unterschiede, die schon vom Einkauf zu beachten sind. Deshalb müssen während des gesamten Projekts alle erforderlichen Informationen bereitgestellt und Maßnahmen ergriffen werden, um z.B. die Elektromagnetische Verträglichkeit und Gerätesicherzeit des Produkts in allen Projektphasen zu gewährleisten (Abb. 3).
‚Management-Tool‘ CB-Scheme
Für das skizzierte Beispiel wird im Folgenden gezeigt, wie hilfreich selbst schon ein einfaches Vorschriften-Management-Tool sein kann. Im Bereich der Gerätesicherheit existiert schon seit vielen Jahren ein spezielles Verfahren zur internationalen Anerkennung von Prüfergebnissen hinsichtlich bestimmter elektrotechnischer Erzeugnisse. Innerhalb der IEC gibt es hierfür ein spezielles Verfahren, welches unter dem Namen IECEE CB-Scheme [4] (International Electrotechnical Commission, System for Conformity Testing and Certification of Electrical Equipment) bekannt ist. In so genannten CB-Bulletins werden u.a. die entsprechenden Produktkategorien beschrieben, die von diesem Verfahren abgedeckt werden. In [5] sind u.a. auch die nationalen technischen Unterschiede (z.B. Unterschiede bei den Netzsteckern) beschrieben. Zu diesen technischen Besonderheiten zählen z.B. besondere Anforderungen aufgrund klimatischer Besonderheiten. Im Fall von Singapur wäre dies z.B. eine besondere Anforderung hinsichtlich der klimatischen Umgebungsbedingungen (Luftfeuchtigkeit, Lagerung). Das Prinzip sieht dabei wie folgt aus: Es werden die jeweils zu den Produktkategorien in Tabelle 1 aufgeführten IEC-Standards für die Prüfung ausgewählt. Ein so genanntes CB Testing Laboratory (CBTL) in einem CB-Teilnehmerland führt die Prüfung durch. Zu den IECEE-CB-Member-Ländern gehören auch Staaten wie Argentinien, Brasilien, China und Singapur (insgesamt sind es 42 Länder, für eine oder mehrere Produktkategorien). Ein ‚National Certification Body‘ (NCM) stellt bei positivem Ergebnis ein entsprechendes CB-Zertifikat aus. Mit diesem Zertifikat in der Tasche kann der Hersteller seine Produkte weltweit vermarkten. Der Hersteller muss das CB-Zertifikat und den CB-Report nur noch bei den entsprechenden NCBs einreichen.
Lösung
Bei einer Produktentwicklung kann es nicht darum gehen, wie Vorschriften zu umgehen sind, sondern wie diese in eine Unternehmensstrategie eingebunden und zu einem strategischen Vorteil, z.B. gegenüber einem Wettbewerber, umgemünzt werden können. Die hierzu erforderlichen Informationen müssen frühzeitig (siehe Abb. 1 bis 3) und an verschiedenen Stellen im Unternehmen verfügbar sein. Der Informationszugang sollte einfach, die Informationen selbst verständlich aufbereitet und weiterverarbeitbar sein. Idealerweise sind alle Informationen, die thematisch in Zusammenhang stehen (im Sinne eines CB-Scheme mit den zugehörigen IEC-Standards) zentral zugänglich, ohne zahlreiche Web-Adressen pflegen oder recherchieren oder viele verschiedene CD-ROMDatenbanken kaufen zu müssen. Darüber hinaus sollte so ein System auch die Möglichkeit bieten, die dazugehörigen Dokumente, wie z.B. die Volltextnormen oder Projektdokumente, elektronisch zu verwalten, um so auch die Aktualität sicherstellen zu können (ISO 9000). Zur Lösung dieser Aufgabenstellungen wurde das Produkt ‚indamos‘ entwickelt.
Zusammenfassung
Wenn ein Unternehmer die strategischen Chancen erkennt, stellen Vorschriften eine eindeutige Chance dar. Am Beispiel des CB-Scheme-Verfahrens wurde aufgezeigt, dass sogar Kosten durch Wegfall von Mehrfachprüfungen eingespart werden können (One-Stop-Testing). Der Unternehmer sowie die Ingenieure müssen sich ‚nur‘ eine entsprechende Informationsquelle erschließen, um immer ‚just in time‘ die gerade benötigten Informationen verfügbar zu haben.
Abb. 1: Üblicher Produktentstehungsprozess Abb. 2: Vor und während der Entstehung des Pflichtenhefts müssen in einigen Phasen detaillierte Vorschrifteninformationen zwingend berücksichtigt werden (mit ! gekennzeichnet). Abb. 3: Zur Qualitätssicherung müssen während des gesamten Produktentstehungsprozesses immer wieder Vorschrifteninformationen beachtet werden (bei mit ! gekennzeichneten Phasen ist dies unerlässlich).
Literatur
[1] DIN-Studie: Gesamtwirtschaftlicher Nutzen der Normung – Zusammenfassung der Ergebnisse, Beuth-Verlag, ISBN 3-410-14856-6 [2] Kleinaltenkamp, M., Plinke, W.: Markt- und Produktmanagement, Springer-Verlag 1999, S. 20 ff., ISBN 3-540-64278-1 [3] VDI/VDE 3694:1991 Lastenheft/Pflichtenheft für den Einsatz von Automatisierungssystemen [4] IDMS-Application Note 7:2000-02 About the IECEE CB-Scheme [5] IECEE CB 99A:2001-07 Adherence to IEC Standards – Product Categories: MEAS, MED, OFF, TRON, INST, PROT, SAFE, CABL, CAP, CONT, POW, BATT & MISC
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