In vielen anspruchsvollen High-End-IT- und Kommunikationsanwendungen haben sich auf Unix und Linux basierende Betriebssysteme bewährt. Im Embedded-Bereich findet Linux viele Anhänger unter den Entwicklern, zugleich bevorzugen Entscheider immer wieder Produkte von Microsoft. Zu der Frage, ob Linux nicht nur für den Entwickler attraktiv ist, sondern sich auch für das Unternehmens bezahlt macht, das auf dieses Betriebssystem setzt, nehmen Christian Blersch und Jürgen Growe im Interview mit DESIGN&VERIFICATION Stellung.
■ Was macht Linux so attraktiv für Entwickler?
Growe: Das Programmieren ist zum einen sehr elegant und problemlos. Wesentlicher Vorteil bleibt die Tatsache, dass wesentlich mehr Entwickler an Linux als an Microsoft-Betriebssystemen arbeiten. Hier existieren keine Vorgaben, z.B. in Form einer Road Map, so dass das System in verschiedene Richtungen wesentlich stabiler und sicherer entwickelt werden kann. Der Teil der Entwickler nimmt zu, die an der Verbesserung des Codes in Hinblick auf diese Kriterien interessiert sind, und diese werden meiner Überzeugung nach in Zukunft auch die Mehrheit stellen. Dank des Open-Source-Prinzips kann der Entwickler zudem auf kostenlosen Code zurückgreifen und muss keinen Investitionsantrag in entsprechender Höhe stellen. Insgesamt ergibt sich eine attraktive Arbeitsumgebung für den Entwickler mit nahezu unbegrenzten Perspektiven. Die Entwickler schätzen zudem die Möglichkeit, das Linux-System optimal auf die Hardware anpassen und so ein leistungsfähiges, stabiles und zuverlässiges Produkt kreieren zu können.
Blersch: Ein weiteres entscheidendes Argument, das für Linux spricht, ist die Möglichkeit, eine Code-Version unverändert gemäß der Wünsche des Kunden oder des OEMs beizubehalten. Bei anderen auf dem Markt erhältlichen Lösungen muss früher oder später das nächste Update lizenziert werden, da die alte Version einfach nicht mehr angeboten wird. Der Kunde muss also der Road Map dieser Anbieter folgen, unabhängig davon, ob er es wünscht bzw. benötigt oder nicht.
■ Warum zögern Entscheider - trotz der hier aufgezeigten Vorteile - auf Linux zu setzen?
Blersch: Die Hauptpunkte sind die Angst vor einer richtungsweisenden Entscheidung, deren Ausgang ungewiss ist. Einerseits wird sehr Vieles beschönigt, andererseits bekommt er auch destruktive Äußerungen zu hören. Die Entscheider haben mit dieser Situation verständlicherweise ihre Probleme, es kann ihnen anscheinend keiner so richtig helfen. Die Entscheidungsträger setzen an ihrem Arbeitsplatz zudem überwiegend Microsoft-Produkte ein, die es schon sehr lange gibt und ihnen vertraut sind. Eine Entscheidung zugunsten von Linux fällt da nicht leicht. Diese Verhaltensweise ist nachvollziehbar. Es sind dabei weniger die technischen Bedenken als die ungewisse Entwicklung des Markts. Das Marketing von Software und damit auch von Linux leidet darüber hinaus unter der Dominanz von Softwaregiganten. Im Embedded-Bereich ist das noch schwieriger, da dort besondere Bedingungen gelten. Es gibt niemanden, der als Sprachrohr dient und den Standard von Morgen vorgibt. Auf der anderen Seite gibt es eine große Firma, die in ihrem Vorgehen davon ausgeht, dass sich der Kunde anpasst. Daran hat man sich gewöhnt und wähnt sich auf der sicheren Seite. Häufig eine Entscheidung des Bauchs und weniger eine Entscheidung über die Qualität und Eignung des Produkts.
■ Worauf sollte beim Einsatz von Linux geachtet werden?
Growe: Alles aus einer Hand und nur ein Ansprechpartner für Hardware, Betriebssystem und eventuell Applikationen ist Heute sehr wichtig. Die Software sollte dem Kunden in der Source inklusive Dokumentation übergeben werden um die Sicherheit der Projektabläufe auch bei kurzfristigem Wechsel der Entwickler zu gewährleisten. Somit sind auch kleinere Systemhäuser und Entwickler in die Projekte zu integrieren. Projekte sollten bevorzugt auf die offiziellen Kernelquellen aufsetzen, da durch die strenge Kontrolle, Verwaltung und Freigabe ein sehr hoher Sicherheitsstandard herrscht. Beim Einsatz von Embedded Systemen im Internet sollten Schutzfunktionen wie VPN/Firewall usw. für die remote Steuerung und Wartung schon integriert sein. Die erforderliche Bootzeit eines Systems ist ein weiteres wesentliches Kriterium. Manche Applikationen, wie Car-PCs, lassen lange Bootzeiten nicht zu. Durch den Einsatz von Linux Bios, Linux Romboot, oder Linux Flashboot für PC-basierte Anwendungen kann hier Abhilfe geschaffen werden. Auch das oftmals nicht zu realisierende geordnete herunterfahren des Systems sollte durch geeignete Filesysteme abgefangen sein.
■ Wie können die Vorbehalte der Entscheidungsträger abgebaut werden?
Blersch: Unserer Erfahrung nach nutzen vornehmlich Entwickler und kaum Entscheider Messen als Gelegenheit zur Information. In dieser Hinsicht scheinen Messen kaum zur Aufklärung oder Orientierung beizutragen. Eine einfache schnelle Lösung für diese Problematik ist nicht in Sicht. Wir denken aber darüber nach, was wir zur Unterstützung der Entscheidungsträger tun können.
■ Wie viele Linux-Unternehmen in Zukunft existieren werden ist fraglich und verstärkt die Verunsicherung bezüglich Linux. Wie kann der Kunde seine Investitionen schützen?
Blersch: Der Kunde sollte darauf achten, dass der Dienstleister das Betriebssystem anpasst, aber seine Arbeit nicht mit eigenen Lizenzen schützt. So kann der Kunde sicherstellen, dass er den Code zu einem anderen Dienstleister zur Weiterentwicklung bringen kann. Wichtig ist dabei eine Vollständigkeit der Entwicklungsumgebung, d.h. der Sourcecode sollte komplett an den Kunden übergeben werden und möglichst vollständig dokumentiert sein.
■ Kann eine Road Map, wie sie große Unternehmen vorgeben, dem Entscheidungsträger helfen?
Blersch: Die Road Map sollte allerdings nicht der Betriebssystemanbieter sondern der Kunde vorgeben, da nur letzterer weiß, was sein Absatzmarkt für Produkte erfordert und welche er entwickeln will. Gegenwärtig stellt sich die Situation umgekehrt dar: Softwaregiganten bringen Software in regelmäßigen und kurzen Abständen auf den Markt, um die herum der Kunde dann sein Produkte entwickeln muss. Die Road Map des Kunden wird aber nicht - insbesondere, wenn er Produkte für die Industrie entwickelt - laufende Updates in kurzen Zeitabstände erfordern. Das heißt, dass unserer Auffassung nach der Kunde die Road Map vorgeben sollte und die Anforderungen an den Kernel bzw. dessen Anpassung definiert. Damit der Kunde auf einer definierten Basis aufbauen kann, muss er über einen rechtefreien Kernel bzw. Distribution verfügen, die also nur der entsprechenden offiziellen Lizenz unterliegt und keine weitere Lizenzen beinhaltet. Die Dienstleistung besteht nun darin, die Anpassung vorzunehmen bzw. eine Entwicklungsumgebung zu erstellen, ohne dem Kunden weitere Lizenzgebühren aufzubürden. Der Kunde profitiert von der individuell auf seine Bedürfnisse angepassten Road Map, weil er sich nicht mit Funktionen oder APIs beschäftigen muss, die er gar nicht benötigt und kann sein Produkt schneller auf dem Markt einführen. Bei Windows NT oder OS2 gab bzw. gibt es z.B. keine Möglichkeit, die Graphikfunktionen aus dem Kernel herauszutrennen, was bei Anwendungen ohne Benutzeroberfläche den Footprint unnötig vergrößert und teilweise sogar zu überflüssiger Hardware und damit Kosten führen kann. Teilweise setzen bestimmte Funktionen andere voraus. Diese Abhängigkeiten, die wiederum den Footprint vergrößern, gibt es bei Linux nicht. Nur so kann aber eine 100%ige Anpassung des Systems an die Hardware bzw. Anwendung erfolgen.
■ Mit den Vor- und Nachteilen eines proprietären Systems?
Growe: Es ist sicher nicht ganz einfach, die zahlreichen Linux-Pakete unter einen Hut zu bringen und auf jedem Rechnersystem zum laufen zu bringen. Durch sehr kleine Linux-Systeme und Anwendungen sind Embedded Systeme hier nicht so sehr betroffen. Microsoft gibt dagegen die Systemanforderungen einfach vor, so dass die Installation unproblematisch ist. Wenn das System schneller laufen soll, kann allerdings nur auf einen schnelleren Prozessor verwiesen werden, da eine Anpassung an die Hardware und damit eine Performance-Steigerung nicht einfach möglich ist. Das ist ein Lösungsweg, der bei vielen Embedded-Anwendungen wegen der dann auftretenden höheren Verlustleistung und Platzbedarfs nicht gegangen werden kann. Das schwierige Aufsetzen der Entwicklungsumgebung, das früher als Argument gegen Unix-Systeme aufgeführt wurde, ist dagegen passé: Mittlerweile lassen sich diese Umgebungen ebenfalls problemlos und automatisch installieren. Dies ist übrigens ein Grund, warum entsprechende Dienstleister vom Markt verschwinden.
■ Worin besteht jetzt der Mehrwert eines Dienstleisters?
Blersch: Neben der bereits erwähnten Anpassung an die Hardware können Dienstleister zusätzliche Funktionen in vorhandene Entwicklungsumgebungen einbauen, was bei Windows-Umgebungen in der Regel nicht möglich ist. So haben wir z.B. unsere Entwicklungsumgebung mit Remote-Funktionen ergänzt, mit deren Hilfe das Image auf das Embedded-System heruntergeladen und getestet werden kann. Die Entwicklung kann also auf einem schnellen Rechner am Arbeitsplatz erfolgen, von dort aus kann die Flashdisk des Embedded-Systems remote geladen werden. So kann der Kunde Embedded-Systeme schneller entwickeln. Solche Dienstleistungen bringen Nutzen und rechtfertigen ein Entgelt. Die Rechnung ist hier leicht aufzumachen: Die Anpassung verkürzt die Realisierung eines Updates durch den Entwickler um einen bestimmten Zeitraum. Je mehr Veränderungen an der Applikation vorgenommen werden, desto schneller rechnet sich die Dienstleistung und desto wichtiger ist sie. more@cklickDV41451
|
| |
|
 |
|