Interview erschienen in DESIGN & VERIFICATION 1+2/2001, S.64-65 (pdf-Version in toolbox unter "details")
Interviewpartner: WILLIAM J. HERMAN ist Chairman, President und CEO von Innoveda Inc. Er gründete Viewlogic 1984. Herman ist zudem Director des EDA Consortiums.
Vorwort
Entwickler von Systemen stehen unter dem ständig steigenden Druck, immer schneller das Produkt auf den Markt zu bringen. In wieweit dieser Druck an die EDA-Industrie weitergegeben wird und von dieser abgefedert werden kann und welche zentralen Probleme es noch zu lösen gibt, darüber sprach die Redaktion von DESIGN&VERIFICATION mit William Herman, Chairman, President und CEO von Innoveda.
D&V: Vor fast genau einem Jahr wurde der Grundstein von Innoveda mit dem Merger von Viewlogic und Summit gelegt. Vor einem guten halben Jahr ist noch PADS dazugekommen. Was war die Zielsetzung der Merger?
Herman: Unsere Kunden stehen häufig unter einem sehr starken Wettbewerbsdruck, bei dem einige Tage, um die ein Produkt später auf den Markt kommt, mehreren Millionen Dollar Verlust gleichkommt. Es ist daher oft ein wichtiger Diskussionspunkt, wie lange ein Unternehmen benötigt, bis eine Million Stück eines Produkt ausgeliefert werden kann. Bei Farbfernsehern hat das 11 Jahre gedauert, bei DVD-Playern war es nur noch ein Jahr. MP3-player nur noch drei Monate, bei Sony hat es drei Tage gedauert, bis 1 Mio. Playstations verkauft waren - das sind 1 Mio. Stück, die Nintendo nicht verkaufen kann. Dies Beispiel zeigt, wie entscheidend es ist, rechtzeitig mit einem Produkt auf den Markt zu sein. Damit diese Kunden schneller mit neuen Produkten auf den Markt kommen können, müssen Entwicklungsumgebungen bereits auf der Systemebene Design-Capture und Verifikation ermöglichen. Ziel des Merger mit Summit und PADS ist, ein echtes System-Level-Design-Unternehmen zu formen. Da wir auch mit dem Firmennamen diesen neuen Ansatz nach außen sichtbar werden lassen wollten und die Namen Summit und Viewlogic mit zu vielen festen Assoziationen verbunden waren, haben wir uns entschlossen, uns einen neuen Namen zu geben. Ein neues Image zu vermitteln ist eine Herausforderung und noch nicht abgeschlossen.
D&V: Sind weitere Akquisitionen zu erwarten?
Herman: In nächster Zeit sind keine weiteren Firmenkäufe geplant. Wir haben jetzt genug zu tun, um die geschilderten Ziele umzusetzen: Auf dem Gebiet des PCB-Designflows muss z.B. noch einige Integrationsarbeit vollbracht werden, so wollen wir beispielsweise Signal-Integrity-Analysen direkt in das Routingtool integrieren. Wenn der Router dann seine Arbeit getan hat, soll das Ergebnis auch in Bezug auf Signal-Integrity korrekt sein - das wird aber noch einige Entwicklungszeit in Anspruch nehmen. Das PCB-Layout-System ist bereits in den Simulations- und Front-End-Capturetools integriert.
D&V: Es ist viel die Rede von den Fortschritten, die in der Durchgängigkeit der Tools erreicht seien. In der Praxis tun sich aber immer wieder Lücken auf. Was beurteilen Sie die Situation?
Herman: Lassen Sie mich die Fortschritte an Hand eines Beispiels verdeutlichen: Einer unserer Kunden, vermutlich der größte EDA-Kunde in Deutschland, hat uns seinen Designflow vorgestellt: Die Beschreibung hat auf einer DINA4-Seite Platz gefunden, während vor fünf oder sechs Jahren schätzungsweise zehn Seiten erforderlich gewesen wäre. Nur ein Teil bildete eine selbstprogrammierte Software, die die Übernahme einiger Daten aus einer Unternehmensdatenbank managte. Mit dem restlichen Designflow, der aus Software unterschiedlicher EDA-Unternehmen bestand, hat das Unternehmen komplette Leiterplatten entwickelt. Für die Realisation dieses Flows sind auf dem EDA-Markt mehrere Alternativen verfügbar. Sind die dazu notwendigen Werkzeug perfekt? Vermutlich nicht. Wollen Sie z.B. ein Mixed-Signal-Design mit großen Stromversorgungen ‚on-board‘ oder handelt es sich um RF-Probleme, sind Schwierigkeiten zu erwarten. Für digitale PCBs fast jeder Größe sind aber durchgängige Designflows vorhanden. Was das IC-Design angeht, gibt es keinen durchgängigen Flow. Ein Teil des Problems liegt in der Menge der zu verarbeitenden Daten. Wenn ein Chipdesign mit 1,5 Mio. entwickelt werden soll, muss eine riesige Menge Daten verarbeitet werden, die Verifikationsaufgabe ist entsprechend umfangreich. Nahezu niemand führt daher auf Chipebene z.B. Signal-Integrity-Analysen durch. Nach dem Hauptsyntheseschritt ist ein erneutes Durchlaufen des Design-Zyklus’ schwierig. Wenn die physikalische Synthese erst Realität ist, und nach Durchlaufen dieses Schritts timing-akkurate Designs vorlägen, würde das einige Probleme beseitigen. Im Falle der PCBs sieht das anders aus: Hier werden und müssen nur die Verbindungen synthetisiert werden - aber nicht die Logik.
D&V: Ist die unterschiedliche Herangehensweise der Ingenieure bzw. verschiedenen Designflows bei der Integration von Soft- und Hardware nicht ein grundsätzliches Probleme?
Herman: Das stellt mit Sicherheit eine Herausforderung für die Designmethoden dar. Um die bestehenden Probleme in den Griff zu bekommen, müssen komplexe Designs auf Systemebene durchgeführt werden und an einem gemeinsamen Punkt begonnen und von dort ausgehend die Vor- und Nachteile der verschiedenen Realisationsmöglichkeiten abgewogen werden. Anders funktioniert das nicht. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich diese neue Designmethode durchgesetzt hat und durch die Tools entsprechend unterstützt wird. Bis dahin werden wenige Designer eine Hardware-Software-Co-Verification durchführen, obwohl dies mit den vorhanden Werkzeugen bereits jetzt möglich ist.
D&V: Es kommt immer wieder vor, dass Designs trotz aller Anstrengungen nicht gefertigt werden konnten. Was kann getan werden, um die Produzierbarkeit der entwickelten Designs sicherzustellen?
Herman: Wenn die beteiligten Designer gefragt würden, ob sie eine Post-Layout-Signal-Integrity-Analyse durchgeführt haben, würden sie eine negative Antwort erhalten. Die fehlende Akzeptanz dieser Tools ist das eigentliche Problem. Vor zehn Jahren führten nur 30% der Systemdesigner eine System-Simulation bzw. -Verifikation durch. Jetzt liegt der Anteil bei 90%. Den Anteil der Ingenieure, die Signal-Integrity-Analysen durchführen schätze ich auf unter 10 Prozent – obwohl der Markt die Werkzeuge anbietet.
D&V: Software- und Hardwareentwickler sprechen häufig noch immer eine unterschiedliche Sprache. Wie kann die Funktionalität in dieser Situation sichergestellt werden bzw. wie können Werkzeuge die Verifikation des Designs erleichtern?
Herman: Hier geht es fast um Glaubensfragen. Es gibt aus meiner Sicht nur einen Weg die Software zu testen: Mit Hilfe von ‚Vektoren‘, wobei hier unter Vektoren eigentlich Programme zu verstehen sind. Das Testen von Software kann nicht automatisch erfolgen. Man kann Software im Gegensatz zur Hardware auch nicht formal verifizieren, es gibt allerdings Äußerungen, das dies möglich sei. Meines Wissens nach gibt es aber keinen Nachweis, bzw. es gibt keine kommerziell verfügbaren Werkzeuge. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, kann ein aus Hardware und Software bestehendes Gesamtsystem nicht automatisch getestet werden.
D&V: Hat die EDA-Industrie gerade in Anbetracht der niedrigen Börsenkurse der High-Tech-Branche genügend Finanzkraft, um die nächsten Entwicklungsschritte der Werkzeuge zu finanzieren?
Herman: Ich denke das ist eine der wichtigsten Fragen der Branche. Leider habe ich keine Antwort! Wenn dem so wäre, würden die Aktienkurse von Innoveda vermutlich weitaus höher notiert werden als dies der Fall ist. Spaß beiseite. Ich glaube, die EDA-Industrie steht vor einem großen Problem: Es gibt einige herausragende Tools und Technologien, die häufig nur von einem Unternehmen angeboten werden. Damit diese auf dem Markt überhaupt den Einsteig schaffen, müssen sie häufig die Software zu einem sehr niedrigen Preis anbieten, obwohl immense Aufbau-, Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen erforderlich waren und insbesondere für die Weiterentwicklung des Tools weiter nötig sind. Ich denke, wir sind an einem Wendepunkt angekommen. Es ist fast so weit, dass neue Formen der Zusammenarbeit unabdingbar sind. Wie diese Vereinbarungen in der Realität zustande kommen sollen steht in den Sternen.
D&V: Anwender beschweren sich gerne über die ‚versteckten‘ Kosten durch hohen Service- und Wartungsaufwand bzw. schlechte Interoperabilität der Werkzeuge. Was kann hier getan werden?
Herman: Kunden wollen neue Technologien so schnell wie möglich nutzen können. Sie drängen EDA-Unternehmen durch ihre Bereitschaft einen höheren Preis für ein Werkzeug zu bezahlen je früher sie es bekommen, dazu, ihre Produkte so schnell wie möglich dem Kunden bereitzustellen. Aber ein Produkt, dass früh ausgeliefert wird, ist selten das bedienerfreundlichste oder fehlerfreie. Die EDA-Unternehmen stehen damit vor der Entscheidung, entweder schnell zu sein und so einen höheren Preis zu erzielen - der die nächsten Entwicklungsschritte finanziert - oder länger zu warten und mehr Konkurrenz zu haben. EDA-Unternehmen müssten aber dafür belohnt werden sich mehr Zeit zu lassen, um ihre Arbeit besser machen zukönnen. Das führt uns zur letzten Frage zurück. Das heißt nicht, dass es keine ausgereiften Tools gibt. Die diskutierten Probleme beziehen sich in erster Linie auf neue Leading-edge-Produkte.
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